Besuch des Stuttgarter Polizeimuseums

21.01.2016 „Die meisten Morde werden aufgeklärt.  Aber nicht in 90 Minuten, und es wird nicht dauernd geschossen.“  Ein pensionierter Polizeibeamter führt eine Gruppe des Schwenninger Schwarzwaldvereins durch das Polizeimuseum in Stuttgart und spart dabei nicht an Kritik an den zahlreichen Fernsehkrimis.

Die Besucher sehen die Realität,  welch aufwendige Spurensicherungen und Befragungen nötig sind, um schließlich doch ans Ziel zu kommen. Und sie sehen, dass die Wirklichkeit manchmal grausamer ist als der Film, wenn sie vom Zementmord 2007 hören, vom Hammermörder 1985, vom Mord auf dem Polizeirevier 1977, vom ersten Kidnappingfall in Deutschland 1958, einer Kindesentführung, vom Telefonzellenbomber. Und:  auch er findet sich in der Sammlung, und da müssen alle ein wenig lächeln –Konrad Kujau, der  Fälscher der Hitlertagebücher.

Da ist Stuttgart plötzlich gar nicht mehr so provinziell, wie man es der Landeshauptstadt gerne nachsagt. Speziell die RAF hat hier 15 Jahre lang Angst und Schrecken verbreitet, berichtet der Ex-Polizist, der das alles ja live miterlebt hat. Am 14. Mai 1970 sei die Geburtsstunde der RAF gewesen, als Ulrike Meinhof in einem Spiegel-Interview der Republik den Kampf angesagt habe. Und in Stuttgart seien einige Mitglieder präsent gewesen. 

Natürlich auch gefährdete Personen, die geschützt werden mussten, allen voran der Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und der Generalbundesanwalt Kurt Rebmann.

„Es gab viele konspirative Wohnungen in der Stadt“, erfuhren die Zuhörer, in einem Jahr habe es 130 Hausbesetzungen gegeben.

Schließlich die Inhaftierung in Stammheim, der Prozess in einem eigens für sechs Millionen Mark errichteten Gebäude  und am 18. Oktober 1977 der Selbstmord der drei Gefangenen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe.

Die Beisetzung  der drei Terroristen auf dem Dornwaldfriedhof stellte erneut eine Herausforderung an die Polizei: An die 10000 des Terrorismus verdächtige Personen aus halb Europa reisten an, und die durften die Stadt nicht wieder verlassen, ohne dass man ihre Personalien festgestellt hätte. Dieser Kraftakt ist gelungen, „und vermutlich haben wir somit manch einen weiteren Anschlag verhindert“, ist der Beamte sicher.

Neben diesen  herausragenden Ereignissen in der Stuttgarter Polizeigeschichte erfahren die Besucher im Museum innerhalb des Polizeipräsidiums aber auch viel aus dem Alltag der Beamten, von denen hier oben am Pragsattel 1100 Dienst tun. Sie haben sich mit rund 60000 Straftaten im Jahr herumzuplagen – allein in Stuttgart. Dabei beklagt der Führer, dass es mit der Ordnung im Staat nicht mehr weit her sei. „Die Strukturen sind häufig zusammengebrochen“, Anstandsregeln würden nicht mehr gelten. Wo früher für einen Einsatz eine Streifenbesatzung ausreichte, seien heute sechs Beamte notwendig.  Und das bei kontinuierlichem Abbau des Personals. Seit 2000 seien in Deutschland 16000 Polizeistellen gestrichen  worden.

Zum Beweis zeigt er auf das  Foto einer 68-er Studentendemonstration an der Wand, die von einem einzigen Polizisten begleitet wurde. Daneben der Einsatz einer Mannschaft Polizisten mit Helm und Schienbeinschützern ausgerüstet – Einsatz bei einem Fußballspiel des VfB.  Und was tragen die Fans bei sich? Schlagringe sind noch das Harmloseste, die Polizisten finden Quarzhandschuhe, Bengalos, Tankdeckel mit verschweißten Messern oder Teleskopstahlruten.

In dem Museum im ehemaligen Robert-Bosch-Krankenhaus erfahren die Mitglieder des Schwarzwaldvereins aber auch, dass es im Jahr 1922 die erste Signalanlage im Straßenverkehr gegeben habe, 1939 wurde die Landeshauptstadt damit beglückt. Im Jahr 1912 habe es 734 zugelassene Kraftwagen in der Stadt gegeben, im gleichen Jahr aber auch 500 Unfälle! Heute müssen die Beamten 25800 Verkehrsunfälle aufnehmen, bei einer Million Fahrzeugen, die sich in der Stadt täglich bewegt. 

Interessant am Rande: 1909 wurde die Führerscheinpflicht eingeführt, aber Frauen durften bis zur Einführung der Gleichberechtigung im Jahr 1958 nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes einen Führerschein erwerben.

Auf 40000 Bilddokumenten können die Besucher im Museum die spannende Stuttgarter Polizeigeschichte verfolgen. Das Polizeipräsidium wurde oben am Pragsattel 1978 bezogen, vor acht Jahren haben die „Museumsmacher“ die Idee geboren, die Historie aufzuarbeiten. Im Februar 2015 wurde das Museum eröffnet.